Witzig, beklemmend und bis zum Anschlag anspruchsvoll
Odenwälder Zeitung vom 19.09.2005
(gie) Randle McMurphy bringt das oberflächlich so harmonisch wirkende Leben in der Station der Psychiatrie mächtig durcheinander. Kaum ist er da, gibt er der herrschsüchtigen Schwester Ratched kontra.
Er ist der Revoluzzer unter den Irren, die urplötzlich gar nicht mehr so irre wirken. Doch die Lebensfreude, die er den Patienten einhaucht, ist von kurzer Dauer.
K.U.S.S., die Kabarett- und Theatergruppe der Rimbacher Martin-Luther-Schule, hat sich einmal mehr an ein besonderes Drama heran gewagt. "Einer flog über das Kuckucksnest" von Dale Wasserman, ein nach dem Roman von Ken Kesey konzipiertes, schauspielerisch sehr anspruchsvolles Stück, haben sie sich ausgesucht. Doch die hohe Hürde, die sich K.U.S.S. mit der Auswahl selbst gelegt hat, wurde eindrucksvoll gemeistert, was das begeisterte Publikum völlig zu Recht mit tosendem Beifall belohnte. Die Regie und Gesamtleitung des Stücks übernahm während der annähernd ein Jahr andauernden Vorbereitung Joachim Berndt.
Keine schauspielerische Herausforderung könnte größer sein als die, psychisch kranke Menschen überzeugend darzustellen. Den Schülern der MLS ist dies mit Bravour gelungen. Sehr unterschiedlich sind die Charaktere, die innerhalb der Psychiatrie anzutreffen sind. Da ist Randle McMurphy, exzellent dargestellt von Clemens Frassine, der wegen der Verführung einer Minderjährigen im Arbeitslager weilte, von dort aber wegen einer - vermutlich simulierten - psychischen Erkrankung in die Psychiatrie gebracht wird. Kaum ist der extrovertierte, prollige, dennoch aber irgendwie sympathische Mustermacho im Irrenhaus angekommen, krempelt er das Leben dort im Handumdrehen um.
Die Zuneigung der anderen Patienten in der Station hat er schnell für sich gewonnen. Er trifft auf den stotternden und komplexbehafteten Billy Bibbit (Nicor Lengert), den ständig vor sich hin grinsenden Martini (Jan Elflein), den in sich gekehrten Dale Harding (Lukas Exel), die verlotterte und desinteressierte Mrs. Cheswick (Lena Kruse), die wirr vom Weltuntergang faselnde Mrs. Scanlon (Akina Ingold), die verklemmte Mrs. Wolfe (Simone Oger) und den psychisch stark behinderten Ruckly, der mit einer schauspielerischen Glanzleistung von Christoph Hock dargestellt wurde. Und dann ist da noch Häuptling Bromden, der zunächst für taubstumm gehaltene Indianer, der aber tatsächlich alles hören kann und auch des Sprechens mächtig ist. Diese anspruchsvolle Rolle übernahm sehr überzeugend Philipp Zeiss.
Es handelt sich dabei um eine recht harmonische Gruppe, die jedoch unter dem erbarmungslosen Regiment des Tyrannen in weiß, Schwester Ratched - wunderbar bösartig und fies von Johanna Barth dargestellt -, zu leiden hat. Unterstützt von den beiden Pflegern Warren (Björn Meyer) und Williams (Christoph Mayer) sowie Schwester Flinn (Lisa Lammer) ist sie die gefühlskalte und gnadenlose Herrscherin der Station. Selbst die Ärztin Dr. Spivey (Beate Frassine) hat der barschen Art Ratcheds nicht viel entgegenzusetzen.
Das gelingt aber McMurphy, der Ratched mit seiner Aufmüpfigkeit schier zum Wahnsinn treibt. Seine aufwieglerische Art inspiriert die Irren, gibt ihnen jede Menge Freude. Er stiehlt sich mit ihnen aus der Psychiatrie, lässt sie in der Honolulu-Bar von der Süße des exzessiven Lebens kosten - das geschah übrigens im Foyer vorm "Kleinen Haus" während der Pause, was auch eine außerordentlich gute Idee war -, spielt mit ihnen in der Station Basketball, wobei Ruckly als Korb dient. Bei den Gruppentherapien, in denen Ratched die Patienten unnachgiebig mit Vorwürfen tyrannisiert, so dass jede Sitzung zu einem Horrortrip wird, ergreift McMurphy Partei für seine Freunde und legt sich mit der Schwester an. Und schließlich feiert sogar mit ihnen zu nächtlicher Stunde eine wilde Party auf der Station. Zuvor besticht er Pfleger Turkle (Christoph Hock), einen alten Trunkenbold, schon steht der wilden und alkoholgetränkten Feier, zu der noch die von McMurphy engagierte Prostituierte Candy Starr (Charlotte Kühn) erscheint, die sich im Nebenraum mit Billy vergnügt.
Doch Schwester Ratched bereitet dem ekstatischen Treiben ein jähes Ende, treibt den verzweifelten Billy mit der Ankündigung, sie werde seine Intimität mit Candy seiner Mutter erzählen, in den Selbstmord. An McMurphy, der zuvor mit einer Elektroschocktherapie behandelt wird, die aber nicht zu einer Besänftigung seines aufmüpfigen Wesens beiträgt, wird, nachdem er Ratched nach deren neuerlichen Provokationen angreift, ein operativer Eingriff vollzogen. Diese Lobotomie bedeutet das Ende seiner Aufsässigkeit. Aus dem Revoluzzer McMurphy ist eine ruhig gestellte Maske geworden, die nichts mehr von der unbändigen Lebensfreude versprüht. Der Häuptling, der Stück für Stück zum engen Vertrauten McMurphys geworden ist, tötet dieses Leben, das in der menschlichen Hülle seines Freundes steckt, und flieht schließlich in die Freiheit.
Trotz der ernsten Thematik enthält "Einer flog über das Kuckucksnest", das als Film mit Jack Nicholson in der Rolle des McMurphy zu einem Welterfolg wurde, jede Menge Witz. Doch die ständige Unterdrückung, deren Mechanismen so exzellent funktionieren, evoziert zwangsläufig eine beklemmende Stimmung. Diese wurde zusätzlich durch Licht- und Soundeffekte vielfach verstärkt. Es ist bewundernswert, dass sich K.U.S.S. an diesen schweren Stoff herangewagt hat. Umso faszinierender ist es, dass als Ergebnis aller Arbeit eine solch überzeugende Inszenierung stand.
Quelle: www.wnoz.de/index.php?kat=53&artikel=107814458&red=27&ausgabe=31615
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