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Balance zwischen Ernst und Komik

Starkenburger Echo vom 19.09.2005

RIMBACH. Als Ken Keseys Roman "Einer flog über das Kuckucksnest" 1962 auf den Markt kam, sollten noch 13 Jahre vergehen, bis Regisseur Milos Forman der Vorlage filmisch gerecht wurde. Das Ensemble KUSS der Martin-Luther-Schule (MLS) hatte es da leichter – der Streifen mit Jack Nicholson gehört mittlerweile zur Allgemeinbildung, und mit fünf Oscars zählt er zu den drei wohl bedeutendsten Werken der Filmgeschichte. Für Regisseur und KUSS-Chef Joachim Berndt war dies kein Grund, sich vor der geschichtsträchtigen Filmvorlage zu ducken. Am Freitag ging die KUSS-Aufführung "Einer flog über das Kuckucksnest" in die erste Runde, Vorstellungen am Samstag und [Montag] folgen. Eine [letzte] Aufführung ist am [morgigen Dienstag (20.)].
Nach eher unbekannten Stücken und Eigenproduktionen in den vergangenen Jahren wandeln die KUSS-Schauspieler nun also wieder auf erprobtem Terrain – das Publikum nahm’s dankend an. "Ausverkauft" hieß es am Freitagabend, und dabei ist die bedrückende Geschichte um den sympathischen Taugenichts Randle P. McMurphy nun wirklich nicht der Stoff, mit dem man sich in ein erholsames Wochenende verabschieden möchte. Die Romanvorlage stellt den erschütternden Alltag einer amerikanischen Nervenheilanstalt der 60er Jahre dar. Menschenverachtende Methoden und fragwürdige medizinisch-psychologische Standpunkte werden portraitiert; durch die Konfrontation mit dem krankhaften Sadismus und der zynischen Gleichgültigkeit des Pflegepersonals gelingt es dem Autor, die "Geisteskrankheit" der Patienten als vergleichsweise trivial erscheinen zu lassen.

"Für KUSS stellt das Stück eine große Herausforderung dar", betonte Lehrer Joachim Berndt. "Einer flog über das Kuckucksnest" erfordere den waghalsigen Balanceakt zwischen tiefem Ernst und oft wirklich "heftiger" Komik. Die dazu erforderliche Reife und die nötige Portion Fingerspitzengefühl besitzen die Schüler, ebenso wie das oft junge Publikum – das haben sie mit der Premiere bewiesen. Aufgeführt wurde nicht der Originaltext, sondern das Stück in jugendlicher Alltagssprache, was eine zusätzliche Herausforderung darstellte.

"Wir sind vollkommen zufrieden", sagte Produktionsleiter Berndt. "Wir hatten vorher befürchtet, dass bei manchen Szenen alle losbrüllen – aber ich glaube, die Leute haben schon verstanden, worum es hier geht". Der grundlegende Konflikt "zwischen individueller Freiheit und verkrusteter, restriktiver Gesellschaft" manifestiert sich vor allem im Aufeinandertreffen des Kleinkriminellen McMurphy (Clemens Frassine) und der tyrannischen, sadistischen Stationsschwester Ratched (Johanna Barth).

McMurphy, der eine Geisteskrankheit fingiert, um dem harten Arbeitsalltag im Gefängnis zu entfliehen, sieht in der Nervenheilanstalt zunächst einem Leben ohne Beschwernisse entgegen.

Gekonnt stellt Frassine den lebensfrohen McMurphy dar, dem die oft unterschwelligen Schikanen und Brutalität gegenüber den Patienten anfangs nicht bewusst werden. Im Laufe der Zeit reagiert der lebenslustige und egozentrische Draufgänger jedoch mit Bestürzung auf die erschütternden Zustände. Im persönlichen Kampf, den er im Namen der Patienten mit der tyrannischen Stationsschwester führt, verliert er das Leben. Den Zuschauer stellte die KUSS-Produktion und ihr keineswegs hollywoodtypisches Ende auf eine harte Probe: Die sinnlose und ungerechtfertigte Gewalt der Pfleger, die erschütternde Hilflosigkeit der Patienten hinterlässt eine Stimmung, in denen der beinahe humoreske Charakter des Stückes vergessen ist.

Durch eine starke Gesamtleistung und einem herausragenden Einsatz von Licht und Ton wurden die Schüler der himmelschreienden Anklage des Autors Kesey mehr als gerecht. Fraglich bleibt zwar, ob die Kritik, die Kesey und Forman an der Institution Psychiatrie geäußert haben, heute noch Gültigkeit hat. Das zentrale Thema des Stückes aber, die menschlichen und seelischen Abgründe, wie sie bei großer Macht gegenüber Schwächeren auftreten können, ist auch heute brandaktuell. Oder, wie Oberarzt Dr. Spivey zu sagen pflegt: "Wer verrückt ist und wer nicht, entscheidet die Gesellschaft."

Gabriel Bärenz

Quelle: www.echo-online.de/suedhessen/detail.php3?id=323171