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Eine Kulisse der ständig präsenten Boshaftigkeit

Odenwälder Zeitung vom 18.09.2006

(gie) Sie hatte es in der Vergangenheit schon eine lange Zeit mitgemacht: In der Schule wurden Gerüchte über sie verbreitet, keine Gelegenheit ließen die Mitschüler aus, ihr Ansehen zu ramponieren, sie wurde terrorisiert, beschimpft, erniedrigt, und schließlich erhielt sie sogar noch eine Morddrohung. Johanna Köhler hielt das nicht mehr aus und versuchte, sich das Leben zu nehmen, doch dies klappte nicht.

Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie wollte sie an einer anderen Schule in einer anderen Region neu beginnen, doch letztlich landete sie in der Vergangenheit.

K.U.S.S., die Theater- und Kabarettgruppe der Rimbacher Martin-Luther-Schule, hat sich bei der Aufführung des Stücks "Johannas Fest" eines ernsten Themas angenommen, mit dem fast jeder schon einmal konfrontiert war, mit dem sich allerdings niemand so recht auseinandersetzen möchte. Mobbing ist ein Tabu, weshalb darüber häufig sehr schnell der Mantel des Schweigens ausgebreitet wird. Anstatt aufzustehen und die Taten der Peiniger zu verurteilen, wird lieber weggesehen. Mit "Johannas Fest", einem Stück das aus der Feder von Regisseur Joachim Berndt stammt, ist K.U.S.S. zweifelsohne eine Eigenproduktion gelungen, die beeindruckt und mit der Vehemenz eines Güterzugs in Höchstgeschwindigkeit durch den Schädel donnert.

Trotz des abermaligen Beweises, dass K.U.S.S.-Aufführungen stets auch Elemente des schalkigen Augenzwinkerns dabei haben, muss festgestellt werden, dass das düstere Element eindeutig überwiegt. Die Kulisse der ständig präsenten Boshaftigkeit - nicht selten in sehr subtiler, somit aber noch erschreckenderer Ausprägung - ist es, die ein beklemmendes Gefühl evoziert. So bleibt dem Betrachter selbst bei der Konfrontation mit komödiantischen Elementen nicht selten das Lachen im Halse stecken.

Johanna Köhler, überzeugend dargestellt von Akina Ingold, möchte nach der bitteren Erfahrung mit Mobbing an ihrer alten Schule an einem anderen Ort beginnen und beschließt, fernab der dauerbeschäftigten Eltern ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sie zieht aufs Land, ins Haus ihrer erst kürzlich verstorbenen Großmutter. In der neuen Schule wird sie aber alles andere als herzlich begrüßt. Insbesondere Elaine, wunderbar bösartig in Szene gesetzt von Lena Kruse, und Nicole (Charlotte Kühn) spielen fast blind auf der Klaviatur der Gemeinheiten. Jenny (Marie Urhahn), Julia (Lisa Lammer), Christine (Simone Oger) halten sich mehr im Hintergrund, Abneigung gegen die Aktionen in Richtung der neuen Mitschülerin, die "irgendwie die Atmosphäre vergiftet" und deshalb einen "Dämpfer" braucht, lässt sich jedoch auch nicht verzeichnen.

Die männlichen Mitschüler sind ebenfalls keinen Deut besser. Der wortgewandte Verbalblender Dominik (Johannes Roth) heckt gemeinsam mit dem ständig saufenden Daniel (Clemens Frassine) Bösartiges aus: Es geht um eine Wette mit dem Schulcasanova Michael (Lukas Exel), der es fertig bringen soll, dass sich ihm Johanna vollkommen hingibt, weshalb er sie versucht, mit süßen und doch so gallenbitteren Worten einzulullen. Alexander (Björn Meyer) war einst selbst Mobbingopfer, stottert seitdem, doch hat sich nun untergeordnet. Florian (Philipp Zeiss) hält sich aus allem heraus, macht sich aber dadurch schuldig, weil er wegsieht.

Große Unterstützung erhält Johanna auch nicht von offizieller Seite, denn der Schulleiter (Jan Elflein) ist mehr um den guten Ruf der Schule besorgt, während der Tutor der Gruppe, Herr Spalt (Christoph Mayer), ebenfalls ins Mobbinghorn stößt und aus seiner eigentlich eher grundlosen Aversion gegenüber Johanna kaum einen Hehl macht. Andere Lehrer der Schule, beispielsweise die durch und durch komplexbehaftete Deutschlehrerin Frau Laschner (Beate Frassine), die ein mauerblümchenhaftes Dasein führt, sind kleine Rädchen in der hundsgemeinen Mechanik, die zwar nicht offensiv wirken, doch in ihrer Passivität die schreckliche Maschine am Laufen halten. Und so ist das Feld bereitet für Mobbing ohne Grenzen: Drohanrufe, Pizzalieferungen, eine mit einem Galgenstrick am Hauseingang befestigte geknebelte Puppe mit einem Zettel mit der unmissverständlichen Botschaft "Die Nächste bist du!", nicht zuletzt der gewalttätig erzwungene Abschluss von Michaels Werben und damit den Gewinn der Wette.

Nachdem die Attacken fiesesten Psychoterrors zunächst gefruchtet haben, nimmt die Geschichte jedoch während eines Aussöhnungsfests, zu dem Johanna ihre Mitschüler einlädt und zu dem diese über die Schulleitung fast schon zwangsverpflichtet werden, eine ungeahnte Wendung.

Eine besondere Note erfährt "Johannas Fest" durch die Kombination des tragischen Geschehens auf der Bühne mit zuvor abgedrehten Filmsequenzen. Diese medial-darstellerische Mischung erweist sich zum einen als stimmig, zum anderen als optimale Möglichkeit, die atmosphärische Dichte in noch intensivere Dimensionen zu treiben.

Quelle: www.wnoz.de/index.php?&kat=53&artikel=108165587&red=27