Ein Verlorener, der alles findet
Starkenburger Echo vom 17.09.2007
Kulturszene: Theatergruppe K.U.S.S. der Martin-Luther-Schule zeigt Tiefgang beim Stück "Mann ohne Vergangenheit"
RIMBACH. "Betreten der Mülldeponie verboten". Zahlreiche Hinweisschilder, Absperrband und Müllsäcke in der scheinbaren Rumpelkammer der Rimbacher Martin-Luther-Schule (MLS) sprachen am Freitag, bei der Premiere des Stückes "Der Mann ohne Vergangenheit" von Aki Kaurismäki, für sich. Nein, der Zuschauer hatte sich nicht verlaufen. Die kleine Aula war der Ort für die schulische Kultbühne K.U.S.S., unter der Leitung von Joachim Berndt. Der Zuschauer konnte auf einem betagten Sessel, gleich neben einer schwarzen Mülltonne Platz nehmen um festzustellen, dass der Schein getrogen hatte. Hinter Europaletten quoll die umfangreiche Technik hervor. Den Bühnenrand des voll besetzten "kleinen Hauses" dominierte eine mächtige Lichtanlage, darunter, gedrängt zwischen Zuschauern und Schauspielhandlung, die "Band der Heilsarmee".
Dahinter türmte sich ein Kabelmeer auf. Bei der Enge und der besonders aufwändigen und schönen Beleuchtung wurde es bald warm. Als pöbelnde Skins vor der Bahnhofskulisse Tumult anfingen und lautstarkes Pullern aus dem Off die "Äußerung" eines der Kameraden untermalte, als sie den reisenden "Mann", alias Johannes Roth zu Brei prügelten, war klar, dass die Bühne die gesamte kleine Aula einnahm.
Das vermüllt-lauschige Plätzchen war gänzlich angefüllt mit der Energie des Ensembles, der man sich nicht entziehen konnte. Wie süß und hold dagegen die Klänge und das Gebaren der Brüder und Schwestern der Heilsarmee und ihrer Band mit Clemens Frassine am Schlagzeug, Philipp Zeiss an der E-Gitarre, Janis Bechtel am E-Piano und Sebastian Meyer am Bass.
Und ah, welch Augenweide, die keuschen Schwestern und Sängerinnen der Band Irma und Frieda. "Dieser Weg wird für niemanden ein leichter sein", stimmten sie singend auf die Handlung ein – die gesangliche und musikalische Leistung war insgesamt überzeugend und gekonnt.
Tatsächlich "leuchtete" dem Publikum "ein Stern, in der Armee des Herrn" und das war Simone Oger als Frieda, Majorin der Heilsarmee. Sie spielte die Rolle der überbetulichen Oberin so überzeugend und schön, dass man sie trotzdem liebte. Der arme Reisende war indessen bei einer liebenswerten Familie im "Nobelviertel der städtischen Mülldeponie", inmitten leer stehender Container, untergekommen.
Die Kulisse verdient eigener Erwähnung: Ein gutes Dutzend Styroporblöcke in den Ausmaßen halber Kühlschränke, jeweils mit unterschiedlichen Beschriftungen versehen, waren die Hauptelemente des komplexen Bühnenbilds, mit mindestens eben so vielen Szenerien, von der Intensivstation bis zum Tresorraum einer Bank – die Möglichkeiten und fantasievolle Umsetzung des Bühnenbildes waren unbegrenzt.
Der filmischen Vorlage des finnischen Regisseurs Kaurismäki von 2002, wurde das Ensemble, einer raschen Schnittfolge entsprechend, durch einen häufigen und schnellen Szenenwechsel gerecht. Was insgesamt viel Spielzeit kostete, hatte Unterhaltungswert. Die Darsteller packten kräftig und im Rekordtempo an.
In flinkem Gewusel stapelten sie, traumwandlersicher, die quietschenden Blöcke, versenkten sie rumpelnd hinter der verdunkelten Bühne. Der Mann, der mit seinem Gedächtnis sich selbst verloren hat, wurde also von einer rührend netten Familie gefunden und kam in einem leeren Container unter.
Bei einem Biergespräch unterzieht Peter den Mann einem Gedächtnistest. Clemens Frassine hat sich als der stotternde, leicht debile Familienvater wie auch als Ersatztrommler der Heilsarmee in die Herzen der Zuschauer gespielt. Groß war die Sympathie, als er verkündete, seine resolute Frau Helga, schlage ihn nicht mehr vor den Kindern. In Wahrheit zeigte Ruth Bachmann die Helga als eine Frau mit dem Herz am rechten Fleck. Der Mann nun, konnte sich an nichts erinnern, außer dass er in einem Zug gesessen hatte und es "draußen dunkel" war.
Doch seit der dunkelsten Stunde, seit er sich selbst verlor, wurde er immer wieder gefunden. In der Kleiderkammer der Heilsarmee verliebt er sich in die wundervolle Schwester Irma, gespielt von Akina Ingold. Wovon beide mit Elvis’ Schmachtsong "Love me tender" träumten, das wurde auf der Bühne Wirklichkeit, als das Geschehen am Ende einer Rendezvousszene mit einem langen, starken Blickkontakt der beiden einfror.
Nicht nur die Liebe, Alles findet der Verlorene: Eine Familie, Freunde, Arbeit und sogar die Kunst. So verwandelt er die Band der Heilsarmee in eine Rockband, die unterstützt von einer Tanzeinlage der Penner das Publikum in hellen Jubel versetzte.
Am Ende findet der Mann sogar seine Vergangenheit in Form seiner geschiedenen Frau, gespielt von Stine Pusch. Doch fort blieb er nicht lange, wie Irma feststellte. Einen Moment lang hätte sie Angst gehabt. "Grundlos", wie der Mann lakonisch das Stück beendete.
Die starke Wirkung der beiden Hauptdarsteller hat sich gemächlich entfaltet. Beide verkörperten Zurückhaltung und überzeugten durch stille Intensität. Nur im wunderschönen Gesang der Irma äußerte sich diese Kraft auch lautstark. Der lethargische doch tiefsinnende Blick des Mannes ist Johannes Roth noch bei der Verbeugung kaum vom Gesicht gewichen. Und wird auch beim Zuschauer noch nachwirken – ein absolut erlebenswerter Theaterabend. Melissa Hollstein Quelle: www.echo-online.de/suedhessen/template_detail.php3?id=512128
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