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Die Sehnsucht zurück zur Müllkippe kommt sehr schnell

Odenwälder Zeitung vom 17.09.2007

K.U.S.S. überzeugt mit Kaurismäkis "Der Mann ohne Vergangenheit / Herausforderungen angenommen und brillant gemeistert

(gie) "Betreten der Mülldeponie verboten." Bereits die zahlreichen leuchtend gelben Warnschilder am Eingang lassen erahnen, dass die Besucher eine recht außergewöhnliche Kulisse erwartet. Mülltonnen, prall gefüllte blaue Müllsäcke, bei der Saalbestuhlung das eine oder andere Mobiliar, das wahrlich schon bessere Zeiten erlebt hat, dazwischen rot-weißes Absperrband - nichts erweckt auf den ersten Blick den Anschein, dass man sich mitten in einem Theaterraum befindet.

Doch alles fügt sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen, schließlich spielt das Stück dort, wo die wenigsten Autoren ihre Protagonisten auflaufen lassen: Mitten auf einem riesigen Haufen Müll.

Für ungewöhnliche Inszenierungen und den Mut, sich wohltuend vom Gewohnten abzuheben, dafür ist die Kabarett- und Theatergruppe K.U.S.S. der Rimbacher Martin-Luther-Schule bekannt. Und dazu passt es eben auch, den Schauplatz der städtischen Müllkippe auszuwählen, der mit jeder Menge (übrigens nicht übel riechender) Accessoires auf die Bühne des Kleinen Hauses der MLS geholt wurde. "Der Mann ohne Vergangenheit" heißt das neue Stück des Ensembles. Dabei handelt es sich um eine von Regisseur Joachim Berndt für Bühnenzwecke umgearbeitete Version des gleichnamigen Films des finnischen Kultregisseurs Aki Kaurismäki. Am Wochenende feierte die neue K.U.S.S.-Produktion Premiere.

Zweifelsohne stellte dieses Stück eine besondere Herausforderung dar. Und dies nicht nur für die Schauspieler, die aufgrund der Vielzahl an Rollen mehrheitlich gleich mehrere Parts übernehmen mussten. Aufgrund der Tatsache, dass viele Szenen- und damit verbundene Ortswechsel zu bewältigen waren, wurde es notwendig, die Bühne ständig umzubauen. Was sich anhört wie selbstverschuldete Hektik, die das Stück regelrecht in seine Einzelteile zerlegt, entpuppte sich letztlich jedoch auch als äußerst faszinierend. Viele Requisiten waren nicht nötig. Mehrere große Styroporblöcke reichten, die durch wechselnde Schichtung in Windeseile ein ganz neues Bühnenbild entstehen ließen. Durchgeführt wurden diese Umbauten von den Schauspielern selbst, wobei jeder Handgriff saß und somit Längen zwischen den Szenen vermieden wurden.

Ein Mann (Johannes Roth) wird, nachdem er am Bahnhof in einer fremden Stadt angekommen ist, von unangenehmen Zeitgenossen in Springerstiefeln zusammengeschlagen, woraufhin er sein Gedächtnis verliert. So wird er zum Mann ohne Vergangenheit, nicht einmal mehr seinen Namen weiß er. Nachdem er aus dem Krankenhaus ausgebüxt ist, findet er sich bei den Gestrandeten der Gesellschaft am Rande der städtischen Mülldeponie wieder und wird dort von Peter (Clemens Frassine) und Helga (Ruth Bachmann), die in einem ärmlichen Container hausen, aufgepäppelt. Auf regelrecht drollige Art kümmern sie sich um den verschlossen wirkenden Namenlosen, der von den Ärmsten der Gesellschaft eine riesige Solidarität erfährt.

Der Mann lernt Irma (Akina Ingold) kennen, eine spröde wirkende Heilsarmistin, und langsam kommen sich die beiden näher. Der Mann ohne Vergangenheit findet schließlich Arbeit bei der Heilsarmee, die einzige Institution, die einem Menschen ohne Identität Unterschlupf gewährt. Doch nachdem er in einen Banküberfall verwickelt wird, wird ihm beinahe der fehlende Name zum Verhängnis, denn die Beamten interpretieren in die Weigerung, den Namen zu verraten, eine mögliche Mittäterschaft. Jedoch kommt er aber dank der Polizei seiner Identität auf die Spur, nachdem sie sein Bild in der Zeitung veröffentlichen ließen. Was er jedoch erfährt, stimmt ihn wenig glücklich: Er war verheiratet, doch die zerrüttete Ehe wurde gerade geschieden, als er verreiste, um in einer anderen Region Arbeit zu suchen, um so eine neue Existenz aufzubauen.

Angesichts dieser Umstände fällt es ihm leicht, zu den Menschen am Rande des Mülls zurückzukehren, insbesondere eben zu Irma, bei der er sein neues Glück gefunden hat. Das große Wiedersehen gibt es beim Bunten Abend der Heilsarmee, deren eigene Band aufspielt, die im Verlauf des Stücks übrigens ebenfalls eine beachtliche Wandlung durchmacht. Nachdem sie zunächst nur seichten Singsang mit christlicher Botschaft präsentierte, haute sie schließlich fetzige Rhythm'n'Blues-Töne gepaart mit nicht weniger intensiver gesanglicher Botschaft aus den Boxen.

Als Schauspieler auf der Bühne bei diesem grotesk-komischen und märchenhaften Werk fungierten neben den bereits genannten Personen Jan Elflein, Max Ferdinand Frassine, Lukas Exel, Stine Pusch, Helene Schmitt, Sebastian Meyer, Simone Oger, Björn Meyer, Janis Bechtel, Philipp Zeiss und Christoph Mayer. Der Dank des Ensembles galt neben vielen anderen dem Technik-Team der MLS sowie dem Freundeskreis für die finanzielle Unterstützung. Weitere Aufführungen des Stücks "Der Mann ohne Vergangenheit" von Aki Kaurismäki durch die MLS-Theatergruppe K.U.S.S. finden am 17. und 18. September jeweils um 19 Uhr statt. Für beide Veranstaltungen sind noch Restkarten an der Abendkasse erhältlich.