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Am Ende bleibt nur noch die Kugel

Starkenburger Echo vom 22.09.2003

Theater - K.U.S.S.-Ensemble verzichtet bei seinem "Robert-Kreuzer-Projekt" auf Klischees und schont das Publikum nicht

RIMBACH. Robert Kreuzer hat einen einzigen Freund - und das ist der Fernseher. Der ist stets zur Stelle, wenn Robert einsam ist, wenn seine Eltern ihn in ihrer eigenen Resignation zum Sündenbock machen, wenn er von seinen Klassenkameraden gemobbt und von Lehrern verkannt wird. In der Flut der bunten Bilder erkennt der Jugendliche ein System, dass Individualität steril werden lässt und Wahrheiten erzeugt, die Faszination vorgaukelt, aber die Realität verklärt und das Individuum manipuliert. Robert beginnt in seiner pubertären Hilflosigkeit, sich wie Don Quijote den Windmühlenflügeln entgegenzustellen.

Ein verwirktes Leben, an dem die Welt nur einmal Anteil nimmt

Dann überschlagen sich die Ereignisse - der einzige Freund wird zum vernichtenden Feind, und was bleibt ist ein verwirktes Leben, an dem die Welt nur einen Augenblick lang Anteil nimmt, um sich dann wieder anderen "Wahrheiten" zuzuwenden.
Wagte sich K.U.S.S., das Theaterensemble der Martin-Luther-Schule (MLS) Rimbach, vor zwei Jahren mit "Baal", der Inszenierung eines Klassikers von Bertolt Brecht, an die Grenzen dessen, was jungen Laien-Schauspielern gerade noch so zumutbar scheint, schrieb Joachim Berndt, Leiter der Gruppe, in diesem Jahr eine Textvorlage, die noch einen Schritt drüber hinaus geht. "Baal" ist ein Vieh - eine durch und durch negative Erscheinung, egozentrisch, ein Mann, maßlos in seiner Menschenverachtung, die keine Grenzen zu kennen scheint. Aber "Baal" ist auch erkennbar irreal, kein Mensch wie du und ich, mit Problemen, die so weit entfernt von der Realität eines Gymnasialschülers ist, dass sie keine Identifikation zulässt.
Ganz anders ist das im Fall von "Robert Kreuzer". Wie einen Spiegel hielt Berndt am Freitag und Samstagabend dem Publikum im "Kleinen Haus" der MLS die Spielhandlung vor Augen. Dabei schwor er als Regisseur und künstlerischer Leiter seine Darsteller entschlossen in die aggressive Grundstimmung der Dramaturgie ein, formte aus einer Handvoll talentierter Schüler verblüffend agierende Charakterschauspieler, die an beiden Vorstellungsabenden erkennbar alles gaben, und letztendlich in der Reaktionslosigkeit der Zuschauer Triumphe feierten.
Im "Robert-Kreuzer-Projekt" beschränkt sich Joachim Berndt nicht darauf, lauwarme Klischees wieder beifallsheischend aufzugreifen. Erklärungsansätze, wie aus dem introvertierten Robert die "Bestie" von Balfurth wird, hätte es genug gegeben. Probleme mit Eltern, Freunden, Lehrern und auch der Liebe scheinen sich da anbiedernd wie Puzzleteile zum logischen Ganzen zusammenzufügen. Doch diese selbstzufriedene Lösung bleibt dem Publikum versagt.
Schonungslos setzt Berndt das Publikum dem Diktat der visuellen und akustischen Reizüberflutung aus. Aggressiv dröhnte die Musik aus der Lautsprecheranlage. Mit 17 übereinander gestellten Monitoren wird der Betrachter mit schnell wechselnden Filmsequenzen gemartert, fast schon so penetrant, als dass man eine Glosse dahinter hätte vermuten können. Wie Rädchen im Getriebe drehten sich dabei die Akteure zwischen diesen Medienwänden auf der Bühne um das Geschehen. Und jedes für sich trug seinen Teil dazu bei, dass Robert Kreuzer letztendlich in seiner Ausweglosigkeit nur eine einzige Revolverkugel blieb. Wer da in der karriereorientierten Reporterin Vera-Rosa Gillmann (Anne Kruse) den alleinigen Sündenbock suchte, war weit davon entfernt, die Botschaft des "Robert-Kreuzer-Projektes" verstanden zu haben.

Niemand kann sich von Verantwortung lossagen

"Ich habe die Beklemmung gespürt und bin mir der Verantwortung bewusst", resümierte Schulleiter Hans-Jürgen Schmidt am Freitag sichtlich betroffen nach der Vorstellung. Wie er empfanden viele, denn niemand im Kleinen Haus konnte sich letztendlich von der Verantwortung befreien, an Robert Kreuzer schuldig geworden zu sein. Jan Elflein verlieh dabei der Figur des Protagonisten eine Glaubwürdigkeit, die beweist, dass K.U.S.S. in seiner Tradition als das etwas andere Schülertheater Maßstäbe setzt, die das Übliche weit überschreiten.
Doch es wäre falsch, an dieser Stelle bewertende Einzelanalysen vorzunehmen. K.U.S.S. ist eine Einheit, die nur als solche bewertend gesehen werden kann. Der Ruf, in der Unmöglichkeit einer Aufführungspraxis den antreibenden Reiz zu sehen, eilt diesem Ensemble seit vielen Jahren voraus. Nie wurde das Publikum enttäuscht, und auch das Experiment des "Robert-Kreuzer-Projektes" beweist wieder einmal, dass für Berndt und seine Mannen Grenzen bestenfalls dazu dienen, überwunden zu werden.

Hohe Anforderungen an Dramaturgie und Technik

Respektlos und mit dem Mut, das Publikum zu provozieren, stellte sich die Gruppe den schweren Anforderungen der Dramaturgie. Nicht nur inhaltlich, auch "technisch" forderten permanente Umbauarbeiten und die Bedienung der Medienlandschaft den Schauspielern und Technikern "alles ab". Das MLS-Technik-Team avancierte in dieser Projektion zu Co-Darstellern. (...)

kako