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Wie ein reißender Fluss

Starkenburger Echo vom 14.09.2009

Theater: Gruppe K.U.S.S. präsentiert temporeiche Version von Hitchcocks "Die 39 Stufen" - Elf Nebendarsteller in 40 Rollen

RIMBACH. Mister Memory versetzt sich "für diese Vorstellung in einen Zustand mentaler Bereitschaft" und befreit sein "Inneres von allem Unwesentlichen und Überflüssigem". Die Zeigefinger an den Schläfen, die Augen zugekniffen und die Lippen geschürzt, strömen Ozeane nebensächlichen Wissens durch den Gedächtnisschausteller und in zweifacher Lichtgeschwindigkeit aus ihm heraus.

Bei Mister Memory handelt es sich um Lukas Trautmann, einen der Darsteller, die im kleinen Haus der Martin-Luther-Schule (MLS) auftraten. Dort lief am Freitag die neueste Produktion der MLS-Theatergruppe K.U.S.S. Lief? Nein, sie rannte vielmehr in einem reißenden Fluss der Nebensächlichkeiten, so nebensächlich wie der Titel des Stückes nach Alfred Hitchcock: "Die 39 Stufen".

Die - fast nebensächliche - Handlung: Ein Mann gerät unter Mordverdacht, flieht, kämpft und liebt, beweist am Ende seine Unschuld mit der Präsentation des wahren Bösewichts. Ebenso sind die 39 Stufen selbst Nebensache. Doch immerhin treiben sie den Film voran, wie eben auch die Nebendarsteller.

Diese Aufführung verwandelte die Aula beziehungsweise das kleine Haus in einen interaktiven Hyperraum, wo Verweise, junge talentierte Menschen und reicher Klang in einem multimedialen Kosmos rotierten. Magister Ludi in diesem Spiel ist Joachim Berndt. Enorm sind Aufwand und Wirkung seiner Stücke gleichermaßen. Die eigentlichen Hauptdarsteller sind seit vielen Jahren die rund zwei Dutzend altehrwürdigen Styroporquader, mittlerweile in fortschreitendem Zerfallsstadium. Dazu elf einzigartige Nebendarsteller in 40 Rollen, ein enormer Unterstützerstab, inklusive eines Heers von Statisten.

Diese konnten der Figur Richard Hannay aber auch nicht weiterhelfen auf der Odyssee, die er auf der Suche nach dem schottischen Dorf Alt-Na-Schellach durchlebt. Diesem Richard Hannay (Sören Meyer) mit seinem leicht gewellten Haar und haselnussbraunen Augen liegen die Frauen serienmäßig zu Füßen.

Umwerfend spielt Annabella Schmidt alias Helene Schmitt, die geheimnisvolle Schöne, die Hannay bäuchlings über die Sessellehnen auf den Schoß kippt, ein Messer im Rücken und umgehend bügelbrettartig erstarrend. Die entfaltete Landkarte entlockt er der Toten durch Betätigung des Rückenhebels. Alt-Na-Schellach - dorthin sollen Hannay die letzten Worte der Toten führen, die sich im Nachhinein als demokratische Kämpferin herausstellt.

Der Zweite Weltkrieg steht vor der Tür, und es geht um geheime Dokumente, die nicht in die falschen Hände geraten dürfen. Unter Mordverdacht macht sich Hannay, der eigentlich mal wieder was ganz Stumpfsinniges im Theater erleben wollte, auf ins schottische Hochland, um dort die Welt zu retten. Dabei springt er aus Styroporzugabteilen, -schrankbetten und -fenstern und gerät in eine rumpelnd rumorende Verfolgungsjagd in, um und auf dem Zug. Unbedingt erwähnt werden müssen dabei die dunklen Gestalten eins und zwei, je eine von mehreren Nebenrollen von Felix Meister und Lukas "Memory" Trautmann.

In der Verkleidung eines brötchenbusigen Milchmädchens oder als Pianist eines Holzfällerchors fragt Hannay jede Hauptrolle der Filmgeschichte nach dem Weg nach Alt-Na-Schellach. Doch weder der Pate noch Hannibal Lecter bringen ihn weiter. Wer in der aufwendigen Filmkollage mit Animationen und 3D-Effekten die meisten Anspielungen auf andere Filme gefunden und diese mit dem Original-K.U.S.S.-Kugelschreiber notiert hat, gewinnt das Gewinnspiel.

In einer Kochkäsefabrik wird Hannay weiter geholfen. Er gelangt zu Professor Jordan und seiner Frau. Ersterer entpuppt sich als Mitglied eines durchgeknallten Geheimbundes im Herrenrassenwahn. Spitzenmäßig steif und albern - Professor Jordan ist wohl die aufsehenerregendste der sechs Nebenrollen von Max Ferdinand Frassine, die in einem Gewehrschuss mit Platzpatrone mündet. Und zwar in das Gesangbuch des mürrischen Bauern (Felix Meister), dessen herzensgute und Hannays Charme erlegene Frau Margaret (Alexandra Korbut) dem Helden auf der Flucht in den Sonntagsmantel ihres Gatten gesteckt hatte.

An der Seite von Pamela (Ruth Bachmann), an die gekettet er alle Fährnisse überwunden und durchquert hat, sitzt der Held erneut in einer Vorstellung von Mister Memory. Kurz bevor Professor Jordan ihn erschießt, wofür dieser wiederum erschossen wird, verkündet das Gedächtnisgenie das Geheimnis der 39 Stufen.

meli

Quelle: www.echo-online.de/suedhessen/static/788360.htm