K.U.S.S.-Forum

K.U.S.S. auf Facebook

K.U.S.S. auf Twitter

Listinus Toplisten




Monströses Stück um schmalen Grat zwischen Gut und Böse

Südhessische Post vom 17.09.2001

Beklommene Reaktionen auf "Baal"-Inszenierung von K.U.S.S.

Rimbach (kako). Baal ist ein Vieh - eine durch und durch negative Erscheinung, egozentrisch, ein Mann, maßlos in seiner Menschenverachtung, die keine Grenzen zu kennen scheint, ein Lyriker, der nur im Delirium der Selbstzerstörung zur Genialität fähig ist, darin kompromisslos die Fäulnis gesellschaftlicher Konversionen aufdeckt, sich dieser entzieht und letztendlich krepiert. Als Zwanzigjähriger schuf Bertolt Brecht in seinem ersten großen Bühnenstück die Figur des "Baal", ein Phantom, das ihn, den Gesellschaftskritiker, zeitlebens nicht mehr loslassen sollte.

Brecht selbst gelang es nach eigener Einschätzung nicht, den monströsen Stoff in seiner Vielschichtigkeit zu bändigen. Die schmalen Gratwanderungen zwischen Böse und Gut schlängeln sich windungsreich auf wenigen Bühnenquadratmetern, und es wäre vermessen zu behaupten, man habe als Beobachter verstanden, was nach Dafürhalten Brechts dann doch "die Weisheit" fehlt. Applaus gab es beiden Aufführungsabenden der zurückliegenden Woche im "Kleinen Haus" der Martin-Luther-Schule vergleichsweise wenig - eine Beifallsbekundung des Publikums in widersprüchlich erscheinender Weise, der Qualität der Inszenierungen in dieser Form aber nur einzig gerecht werdend, in dem die Beklommenheit nachwirkte.

Mit "Baal" wagte sich K.U.S.S. in diesem Jahr an die Grenzen dessen, was für junge Laien-Schauspieler gerade noch so zumutbar ist. Entschlossen schwor Joachim Berndt als Regisseur und künstlerischer Leiter seine Darsteller in die aggressive Grundstimmung der Dramaturgie ein, formte aus einer Handvoll talentierter Schüler verblüffend agierende Charakterschauspieler, die an beiden Vorstellungsabenden erkennbar alles gaben und letztendlich in der Reaktionslosigkeit der Zuschauer Triumphe feierten.

"Baal", das ist Mathias Junghans, der in seiner Verkörperung des zynisch Bösen erotische Abhängigkeiten schafft, denen sich am Freitag und Samstag auch das Publikum schwer entziehen konnte. Ausdrucksstark verlieh Junghans gerade den erotisch geprägten Szenen eine solche Glaubwürdigkeit, die Reife erahnen lassen, der die Jugendlichkeit konträr entgegensteht. Auch David Wegener, einer der zahlreichen K.U.S.S.-Debütanten der diesjährigen Inszenierung, ließ als "Ekart" keinen Zweifel aufkommen, dass hier Theaterluft mit Herzblut vermischt wird. Doch es wäre falsch, an dieser Stelle bewertende Einzelanalysen vorzunehmen. K.U.S.S. ist eine Einheit, die nur als solche bewertend gesehen werden kann.

Der Ruf, in der Unmöglichkeit einer Aufführungspraxis den antreibenden Reiz zu sehen, eilt diesem Ensemble seit vielen Jahren voraus. Nie wurde das Publikum enttäuscht, und auch das Experiment "Baal" beweist wieder einmal, dass für Berndt und seine Mannen Grenzen bestenfalls dazu dienen, überwunden zu werden.

Respektlos und mit dem Mut, das Publikum zu provozieren, stellte sich die Gruppe den schweren Anforderungen des Brecht-Schockers. Nicht nur inhaltlich, auch "technisch" forderten 25 Szenen, über 70 Rollen, Musik permanente Umbauarbeiten und Rollenwechsel den Schauspielern und Technikern alles ab. Noch zweimal wird die neue digitale Lichttechnik des Technikteams der MLS das schändliche Leben von Bertolt Brechts "Baal" beleuchten.

"K.U.S.S. ist muss", und wer das nicht glaubt, hat heute (17.) und morgen, Dienstag (18.), jeweils um 19 Uhr noch einmal die Chance, sich in Raum 110 der Martin-Luther-Schule garantiert eines Besseren belehren zu lassen.