Aufstieg und Fall des "König Ubu"
Starkenburger Echo vom 20.09.2004
Theater: K.U.S.S.-Ensemble der Martin-Luther-Schule glänzt mit ungewöhnlicher Inszenierung einer Vorlage von Jarry
RIMBACH. Wer ist eigentlich König Ubu? Diese Frage stellte sich bereits zu Anfang des Theaterstückes von K.U.S.S., denn ein König war weder zu sehen, noch zu hören. Ein eher ungehobeltes Großmaul, gegen den Himmel stinkend und laut "Scheitze" schreiend stand dagegen auf der Bühne des kleinen Hauses der Martin-Luther-Schule. K.U.S.S. hatte am Wochenende zu "König Ubu" von Alfred Jarry eingeladen.
Zunächst ist König Ubu lediglich Vater Ubu, der mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem verblödeten, beziehungsweise behinderten, Sohn in einer Hütte lebt. Seine Frau, Mutter Ubu, ist mit ihren Leben jedoch nicht zufrieden. Sie will die Macht und sie kriegt die Macht, indem sie ihren Mann, der ganz und gar nicht einem Göttergatten entspricht und keinerlei Manieren an den Tag legt, zum Staatsstreich überredet. Dieser schafft es nur mit Hilfe des Hauptmanns Tatzensaum die Königsfamilie festzunehmen und bestialisch umzubringen.
Dabei kommt seine große Feigheit, die er immer als Heldentum verkleiden möchte, besonders gut zur Geltung. Mit kratziger Stimme, die sich besonders in kritischen Momenten fast überschlug, verkörperte Jan Elflein meisterhaft die Rolle des König Ubu. Dieser lässt lieber die anderen arbeiten. Bei den Morden bestimmt er zwar, wen es treffen soll, legt aber nicht selbst Hand an. Bei dem Gemetzel der Königsfamilie bleibt nur der blutjunge Bubelas, der Königssohn, übrig, der natürlich Rache schwört. In einer Begegnung mit den "drei Schatten" überreichen diese ihm ein überdimensionales Schwert, das ihm bei seinem Kampf gegen Vater Ubu behilflich sein soll.
Zusätzlich entwickelt sich noch ein Streit mit Tatzensaum, der sich anscheinend mit übermenschlicher Kraft aus einer misslichen Situation – er baumelt, an den Füßen gefesselt von der Decke – befreit, und verbündet sich nun mit der russischen "Ksarin", obwohl er ihre Familie ausgelöscht hat.
Die Absurdität des Stückes wird nicht nur an dieser Stelle ersichtlich. Bei der Flucht vor den Gegnern verliert Mutter Ubu, die ursprünglich ihre Kinder umbringen lassen wollte, die beiden Sprösslinge an eine Bärin, die sich von nun an um sie kümmert. Die Bärin wird schließlich jedoch dummerweise zum Opfer von Vater Ubu und seinen Soldaten. Als die Familie sich wiederfindet, hat die Tochter auf einmal ebenfalls Bärenohren.
Offenbar wollte Jarry damit den bürgerlichen Stand angreifen, was ihm auch vortrefflich gelang. Allen geht es ausschließlich um die "Pfuinanzen", den eigenen Aufstieg in den nächsten Stand, und sie lassen sich dabei von ihrer Raffgier und Dummheit leiten. Es wird aber auch deutlich, dass niemand seine eigene Herkunft verleugnen kann. Aus Vater und Mutter Ubu kann nicht plötzlich ein Königspaar werden, dies scheitert schon alleine am sprachlichen Unterschied zu König Wenzeslas, der sehr um seinen Ausdruck bemüht ist. Auch sind die Ubus im Vergleich zur Königsfamilie ausgesprochen hässlich.
Am Ende bleibt jeder das, was er ist. Der gesellschaftliche Aufstieg scheitert, genauso wie alle Bereicherungsversuche.
Das Stück lebt von seinem provozierenden Inhalt, seiner Komik und Absurdität. Dabei hatten die Schauspieler Großes zu leisten. Neben ständigen Umbauten – die wegen der häufigen Szenenwechsel notwendig waren (...) – mussten die Schauspieler immer wieder ihre Rollen und Kostüme wechseln. Die große Freude der Schauspieler an diesem außergewöhnlichen Stück war ihnen dennoch anzumerken und übertrug sich auf das Publikum, das sich mit lang anhaltendem Applaus bedankte.
Laute Lacher in den Szenen verdeutlichten, dass die Komik des Stückes auch beim Publikum ankam. Dabei bediente sich K.U.S.S. auch zunehmend moderner Technik: Schauspiel wird kombiniert mit Filmausschnitten aus der Geschichte und eigenen Produktionen, wobei verschiedener Mittel eingesetzt wurden. Sicherlich war diese Form der Inszenierung eine gute Idee von Joachim Berndt und seinen jungen Schauspielern, die aber noch ausbaufähig wäre.
Der Ausflug in viele unterschiedliche Genres sorgte (...) immer wieder für Überraschungen – Fingerpuppen wurden genauso eingesetzt wie Schwarz-Weiß-Produktionen im Stummfilmformat, Auszüge aus Militärdokumentationen gingen gruseligen Momenten, ähnlich wie im Film "Blair Witch Project" voraus (...).
Andererseits ermöglichte diese Vorgehensweise jedoch die Integration von Szenenbildern, die auf der Bühne nur schwer darstellbar sind. Insgesamt wurde "König Ubu" interessant interpretiert, und so dem gewöhnlichen Schauspiel ein neues Gesicht gegeben.
Sarah Bärenz
Quelle: www.echo-online.de/suedhessen/detail.php3?id=259843
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