K.U.S.S.-Forum

K.U.S.S. auf Facebook

K.U.S.S. auf Twitter




Ein Verlorener, der alles findet

Starkenburger Echo vom 17.09.2007

Kulturszene: Theatergruppe K.U.S.S. der Martin-Luther-Schule zeigt Tiefgang beim Stck "Mann ohne Vergangenheit"

RIMBACH. "Betreten der Mlldeponie verboten". Zahlreiche Hinweisschilder, Absperrband und Mllscke in der scheinbaren Rumpelkammer der Rimbacher Martin-Luther-Schule (MLS) sprachen am Freitag, bei der Premiere des Stckes "Der Mann ohne Vergangenheit" von Aki Kaurismki, fr sich. Nein, der Zuschauer hatte sich nicht verlaufen. Die kleine Aula war der Ort fr die schulische Kultbhne K.U.S.S., unter der Leitung von Joachim Berndt.
Der Zuschauer konnte auf einem betagten Sessel, gleich neben einer schwarzen Mlltonne Platz nehmen um festzustellen, dass der Schein getrogen hatte. Hinter Europaletten quoll die umfangreiche Technik hervor. Den Bhnenrand des voll besetzten "kleinen Hauses" dominierte eine mchtige Lichtanlage, darunter, gedrngt zwischen Zuschauern und Schauspielhandlung, die "Band der Heilsarmee".

Dahinter trmte sich ein Kabelmeer auf. Bei der Enge und der besonders aufwndigen und schnen Beleuchtung wurde es bald warm. Als pbelnde Skins vor der Bahnhofskulisse Tumult anfingen und lautstarkes Pullern aus dem Off die "uerung" eines der Kameraden untermalte, als sie den reisenden "Mann", alias Johannes Roth zu Brei prgelten, war klar, dass die Bhne die gesamte kleine Aula einnahm.

Das vermllt-lauschige Pltzchen war gnzlich angefllt mit der Energie des Ensembles, der man sich nicht entziehen konnte. Wie s und hold dagegen die Klnge und das Gebaren der Brder und Schwestern der Heilsarmee und ihrer Band mit Clemens Frassine am Schlagzeug, Philipp Zeiss an der E-Gitarre, Janis Bechtel am E-Piano und Sebastian Meyer am Bass.

Und ah, welch Augenweide, die keuschen Schwestern und Sngerinnen der Band Irma und Frieda. "Dieser Weg wird fr niemanden ein leichter sein", stimmten sie singend auf die Handlung ein die gesangliche und musikalische Leistung war insgesamt berzeugend und gekonnt.

Tatschlich "leuchtete" dem Publikum "ein Stern, in der Armee des Herrn" und das war Simone Oger als Frieda, Majorin der Heilsarmee. Sie spielte die Rolle der berbetulichen Oberin so berzeugend und schn, dass man sie trotzdem liebte. Der arme Reisende war indessen bei einer liebenswerten Familie im "Nobelviertel der stdtischen Mlldeponie", inmitten leer stehender Container, untergekommen.

Die Kulisse verdient eigener Erwhnung: Ein gutes Dutzend Styroporblcke in den Ausmaen halber Khlschrnke, jeweils mit unterschiedlichen Beschriftungen versehen, waren die Hauptelemente des komplexen Bhnenbilds, mit mindestens eben so vielen Szenerien, von der Intensivstation bis zum Tresorraum einer Bank die Mglichkeiten und fantasievolle Umsetzung des Bhnenbildes waren unbegrenzt.

Der filmischen Vorlage des finnischen Regisseurs Kaurismki von 2002, wurde das Ensemble, einer raschen Schnittfolge entsprechend, durch einen hufigen und schnellen Szenenwechsel gerecht. Was insgesamt viel Spielzeit kostete, hatte Unterhaltungswert. Die Darsteller packten krftig und im Rekordtempo an.

In flinkem Gewusel stapelten sie, traumwandlersicher, die quietschenden Blcke, versenkten sie rumpelnd hinter der verdunkelten Bhne. Der Mann, der mit seinem Gedchtnis sich selbst verloren hat, wurde also von einer rhrend netten Familie gefunden und kam in einem leeren Container unter.

Bei einem Biergesprch unterzieht Peter den Mann einem Gedchtnistest. Clemens Frassine hat sich als der stotternde, leicht debile Familienvater wie auch als Ersatztrommler der Heilsarmee in die Herzen der Zuschauer gespielt. Gro war die Sympathie, als er verkndete, seine resolute Frau Helga, schlage ihn nicht mehr vor den Kindern. In Wahrheit zeigte Ruth Bachmann die Helga als eine Frau mit dem Herz am rechten Fleck. Der Mann nun, konnte sich an nichts erinnern, auer dass er in einem Zug gesessen hatte und es "drauen dunkel" war.

Doch seit der dunkelsten Stunde, seit er sich selbst verlor, wurde er immer wieder gefunden. In der Kleiderkammer der Heilsarmee verliebt er sich in die wundervolle Schwester Irma, gespielt von Akina Ingold. Wovon beide mit Elvis Schmachtsong "Love me tender" trumten, das wurde auf der Bhne Wirklichkeit, als das Geschehen am Ende einer Rendezvousszene mit einem langen, starken Blickkontakt der beiden einfror.

Nicht nur die Liebe, Alles findet der Verlorene: Eine Familie, Freunde, Arbeit und sogar die Kunst. So verwandelt er die Band der Heilsarmee in eine Rockband, die untersttzt von einer Tanzeinlage der Penner das Publikum in hellen Jubel versetzte.

Am Ende findet der Mann sogar seine Vergangenheit in Form seiner geschiedenen Frau, gespielt von Stine Pusch. Doch fort blieb er nicht lange, wie Irma feststellte. Einen Moment lang htte sie Angst gehabt. "Grundlos", wie der Mann lakonisch das Stck beendete.

Die starke Wirkung der beiden Hauptdarsteller hat sich gemchlich entfaltet. Beide verkrperten Zurckhaltung und berzeugten durch stille Intensitt. Nur im wunderschnen Gesang der Irma uerte sich diese Kraft auch lautstark. Der lethargische doch tiefsinnende Blick des Mannes ist Johannes Roth noch bei der Verbeugung kaum vom Gesicht gewichen. Und wird auch beim Zuschauer noch nachwirken ein absolut erlebenswerter Theaterabend.

Melissa Hollstein

Quelle: www.echo-online.de/suedhessen/template_detail.php3?id=512128