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Monstrses Stck um schmalen Grat zwischen Gut und Bse

Sdhessische Post vom 17.09.2001

Beklommene Reaktionen auf "Baal"-Inszenierung von K.U.S.S.

Rimbach (kako). Baal ist ein Vieh - eine durch und durch negative Erscheinung, egozentrisch, ein Mann, malos in seiner Menschenverachtung, die keine Grenzen zu kennen scheint, ein Lyriker, der nur im Delirium der Selbstzerstrung zur Genialitt fhig ist, darin kompromisslos die Fulnis gesellschaftlicher Konversionen aufdeckt, sich dieser entzieht und letztendlich krepiert. Als Zwanzigjhriger schuf Bertolt Brecht in seinem ersten groen Bhnenstck die Figur des "Baal", ein Phantom, das ihn, den Gesellschaftskritiker, zeitlebens nicht mehr loslassen sollte.

Brecht selbst gelang es nach eigener Einschtzung nicht, den monstrsen Stoff in seiner Vielschichtigkeit zu bndigen. Die schmalen Gratwanderungen zwischen Bse und Gut schlngeln sich windungsreich auf wenigen Bhnenquadratmetern, und es wre vermessen zu behaupten, man habe als Beobachter verstanden, was nach Dafrhalten Brechts dann doch "die Weisheit" fehlt. Applaus gab es beiden Auffhrungsabenden der zurckliegenden Woche im "Kleinen Haus" der Martin-Luther-Schule vergleichsweise wenig - eine Beifallsbekundung des Publikums in widersprchlich erscheinender Weise, der Qualitt der Inszenierungen in dieser Form aber nur einzig gerecht werdend, in dem die Beklommenheit nachwirkte.

Mit "Baal" wagte sich K.U.S.S. in diesem Jahr an die Grenzen dessen, was fr junge Laien-Schauspieler gerade noch so zumutbar ist. Entschlossen schwor Joachim Berndt als Regisseur und knstlerischer Leiter seine Darsteller in die aggressive Grundstimmung der Dramaturgie ein, formte aus einer Handvoll talentierter Schler verblffend agierende Charakterschauspieler, die an beiden Vorstellungsabenden erkennbar alles gaben und letztendlich in der Reaktionslosigkeit der Zuschauer Triumphe feierten.

"Baal", das ist Mathias Junghans, der in seiner Verkrperung des zynisch Bsen erotische Abhngigkeiten schafft, denen sich am Freitag und Samstag auch das Publikum schwer entziehen konnte. Ausdrucksstark verlieh Junghans gerade den erotisch geprgten Szenen eine solche Glaubwrdigkeit, die Reife erahnen lassen, der die Jugendlichkeit kontrr entgegensteht. Auch David Wegener, einer der zahlreichen K.U.S.S.-Debtanten der diesjhrigen Inszenierung, lie als "Ekart" keinen Zweifel aufkommen, dass hier Theaterluft mit Herzblut vermischt wird. Doch es wre falsch, an dieser Stelle bewertende Einzelanalysen vorzunehmen. K.U.S.S. ist eine Einheit, die nur als solche bewertend gesehen werden kann.

Der Ruf, in der Unmglichkeit einer Auffhrungspraxis den antreibenden Reiz zu sehen, eilt diesem Ensemble seit vielen Jahren voraus. Nie wurde das Publikum enttuscht, und auch das Experiment "Baal" beweist wieder einmal, dass fr Berndt und seine Mannen Grenzen bestenfalls dazu dienen, berwunden zu werden.

Respektlos und mit dem Mut, das Publikum zu provozieren, stellte sich die Gruppe den schweren Anforderungen des Brecht-Schockers. Nicht nur inhaltlich, auch "technisch" forderten 25 Szenen, ber 70 Rollen, Musik permanente Umbauarbeiten und Rollenwechsel den Schauspielern und Technikern alles ab. Noch zweimal wird die neue digitale Lichttechnik des Technikteams der MLS das schndliche Leben von Bertolt Brechts "Baal" beleuchten.

"K.U.S.S. ist muss", und wer das nicht glaubt, hat heute (17.) und morgen, Dienstag (18.), jeweils um 19 Uhr noch einmal die Chance, sich in Raum 110 der Martin-Luther-Schule garantiert eines Besseren belehren zu lassen.